"Meine Seele wartet auf den Herrn mehr

als die Wächter auf den Morgen."               Psalm 130,6

Das mühevolle Warten kennen wir alle. Wir warten ungeduldig auf den Bus und die Straßenbahn. Wir stehen vor der Kasse bei real oder EDEKA und denken, hoffentlich geht es nicht so lange mit den Leuten vor uns.  Mancher sitzt im Wartezimmer und fürchtet sich vor dem Ergebnis des Arztes. Nicht wenige warten mit Schrecken auf die nächste Abrechnung für Gas und Strom.

Doch dann gibt es aber auch das hoffnungsvolle Warten. Wir denken an den Besuch, der sich angesagt hat. Wir denken an die Geschenke von lieben Menschen zu Weihnachten. Wir freuen uns auf den Freund, der schon lange nicht bei uns war. Wir warten auf die Post, das bestellte Paket und den Anruf der Kinder am Abend. Wir warten auf den Pflegedienst, der uns für die Nacht versorgt.

Warten kann schön sein. Es ist meistens mit  Spannung und auch mit Erwartungen verbunden. Wir richten sie an Menschen und Einrichtungen. Darin stecken unsere Wünsche, Zwecke, Ziele und was uns innerlich ausmacht. Eben das, was wir haben, reicht noch nicht aus; denn Leben will immer mehr sein. Leben soll immer über das Bisherige hinaus gehen.  Wenn das dann eintrifft, sind wir froh, dankbar, glücklich und zufrieden.

Ein  Beter in Israel sagt dieses Wort vor der Gemeinde. Er bekennt sich damit zu Gott, dem Schöpfer und Herrn der Geschichte. Von ihm erwartet er alles, was sein Leben sinnvoll macht. Er weiß sich mit allen im Volk in der Schuld an Menschen und Gott. Er bringt dieses laut zur Sprache. Warum soll er vor anderen etwas darstellen, was er nicht ist und hat? Er weiß, dass er vor dem heiligen Gott nicht bestehen kann. "Wenn du Herr Sünden anrechnen willst - Herr, wer wird bestehen?"(Psalm 130,3). Er ist sich aus Erfahrung der Geschichte seines Volkes gewiss, dass Gott Schuld vergibt. Er bezeugt es vor der Gemeinde: "Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte."(Psalm13,4). Das will er auch von Gott für sich geschenkt bekommen, damit er frei vom Gestern neu starten kann.  So schreit er aus der Tiefe oder sollten wir sagen, aus der Existenzkrise zu Gott. Sein Warten ist mit Hoffen und Harren verbunden. D.h. er ist unbedingt darauf angewiesen, um mutig und getrost zu leben, dass Gott ihn von der Schuld befreit.

Daran hält er fest. Das ist ihm wichtig! Das ist für ihn lebensnotwendig, wenn seine Zukunft in der Gemeinde und Welt gelingen soll. So  wartet er, besser harrt er, ist er unablässig auf Gottes helfendes Eingreifen aus. Auf ihn ist sein ganzes Hoffen gerichtet. Sein Leben hängt vom dem vergebenden Gott ab. Sein Warten auf den Herrn und dessen  Wort hat eine Intension, die nicht zu übertreffen ist.

Die Wächter auf den Stadtmauer oder an  den Stadttoren trugen große  Verantwortung . Sie warteten auf das Ende der Nacht und auf den neuen Morgen. Solange mussten sie wach bleiben und warten. 

Doch das ist nur ein schwaches Bild, wenn wir an die Intension des Beters in Israel denken. Ihm ging es nicht um das Verstreichen der Stunden und den Ablauf des Lebens.  Er begehrte die Erfahrung des vergebenden Gottes. Darauf ist sein Denken, Reden und Handeln gerichtet.

Ob wir diese Intension des Hoffens und Harrens, des unaufgebbaren  Wartens auf Gott noch kennen und wollen? Geht es uns noch um den Gott, der Schuld vergibt und freisetzt zu neuem Denken, Reden und Handeln? Oder haben wir so viel anderes im Kopf, dass wir die Schuld ohne Vergebung einfach vergessen wollen?

Wir feiern im Jahr 2017 das 500-jährige Bestehen der Reformation . Dabei fällt uns  Matin Luther ein.  Ihm ging es zuerst und zutiefst um die Frage: "Wie bekomme ich einen gnädigen Gott." Er machte die Entdeckung: allein aus Gnaden, allein die Schrift, allein der Glaube führen zur Gewissheit der Rechtfertigung vor Gott. So konnte er stark und frei Neues wagen und durchhalten. Er ist ein Beispiel dafür, was Hoffen und Harren auf den barmherzigen Gott und sein vergebendes Wort an Wirkungen freisetzt..

Siegward Busat