"Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren
und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der Herr."

3. Mose 19,32

Es war in der U-Bahn oder im Bus. Junge Leute saßen zusammen. Da kommt ein alter Mann hinzu. Er findet keinen Platz und bleibt stehen. So wendet er sich an einen Jugendlichen und sagt freundlich: "Kann ich Ihnen meinen  Platz anbieten?"

Auch wenn das ein Witz ist, so stellt sich doch die Frage, wie gehen junge Leute und alte Menschen miteinander um. Wo kommt noch die Achtung vor dem Andern zum Ausdruck? Wo zeigt sich Respekt vor dem Alter?

Sehen wir im Miteinander des alltäglichen Lebens, auf der Straße, im Bus und in der Straßenbahn noch den Anderen wirklich? Nehmen wir ihn wahr und bringen wir ihm unsere  Anerkennung  entgegen? Oder gehen wir mit jedem beliebigen Menschen so um, wie mit einem Gegenstand, den man aufnehmen kann oder auch einfach wegwirft? Nehmen wir den Anderen noch wirklich in uns auf, so dass unsere Gedanken sich mit ihm beschäftigen? Können wir uns noch einfühlen in den Anderen so, dass wir durch sein Äußeres an seinem Ergehen und seinem Leben Anteil gewinnen?

Oder geht es uns letztlich nur um uns, unsere  Wünsche und Ziele? Was geht uns dann noch der Andere an, der schon vom Alter und der Gebrechlichkeit gezeichnet ist? Ein alter Mensch, der eigentlich schon das Leben hinter sich hat, während junge Leute noch das volle Leben gewinnen wollen?

Wenn es dann um die Oma und den Opa geht, von denen man hier und da etwas bekommt, um das Taschengeld aufzubessern, ja dann sind Oma und Opa hoch im Kurs. Doch wer fragt schon nach ihrer Lebensleistung, ihren Erfahrungen und ihrer durchlebten Geschichte? Wer will schon von ihren Erlebnissen lernen für das eigene Leben?

Unser Arzt sagte einmal: Wenn unsere Kinder einmal den Lebensstandard erreichen wollen, den sie durch uns haben, dann müssen sie noch eine Menge dazu tun.  Hat er recht? Sehen sich weithin die Jugendlichen unserer Zeit auch so oder nehmen sie alles selbstverständlich hin, ohne sich in Dankbarkeit und Freude um die Eltern und Großeltern zu kümmern und die Älteren zu ehren?

Tun wir es, als Ältere und die Jüngeren weithin nicht so, als hätten wir alles zu beurteilen und alles müsste aus unserer Sicht laufen? Was wir für wichtig und erstrebenswert halten, ist dran. Alles andere muss zurückgestellt werden?

Wir tun so, als hätten wir das Sagen und haben Gott, den Herrn aller Mächte, Menschen und Gewalten, einfach vergessen oder leben so, als hätte er nichts mehr zu sagen?

Da bezeugt der Bote Gottes in 3. Mose 19,32 Gott als den Herrn. Er sagt aus der Sicht Gottes seinem Volk: "ich bin der Herr". Es steht nach dem Semikolon. Das bedeutet, es gilt als Begründung. Weil Gott der Herr ist, der Herr aller, darum hat er letztlich das Sagen allein. Ob uns das gefällt oder auch nicht,  ist hier ganz unwichtig. Wenn Gott der Herr aller ist, dann haben sich auch alle nach ihm zu richten, ihn zu achten und seinen Willen zu tun.

In dieser Gewichtung ist dieses Wort gesagt:

"Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen". Darin erweist sich die Achtung, die  Anerkennung und der Respekt. So will Gott den Umgang  mit den Älteren, wie fit oder gebrechlich sie sind, wie hochbegabt oder auch gering und durch Süchte und Resignation gezeichnet. Das gilt im Umgang mit allen, wo immer sie uns auch begegnen.

Ja, noch mehr liegt in Gottes Willen mit den Älteren. Es heißt: "und die Alten ehren". Mit dem Ehren ist die Hochschätzung gemeint, in der man die Älteren zur Sprache kommen lässt und sich freiwillig in ihren Dienst stellt.  Aus innerer Dankbarkeit und Freude wahrnimmt, dass sie einfach noch da sind und unseren Weg begleiten. Das ist dann nach dem 4. Gebot (Zählung nach Luther) von den Kindern, genauer von den erwachsenen Kindern gegenüber den  alten und gebrechlichen Eltern gefordert. Es gilt für das Beste der Eltern zu sorgen, so dass sie ihren Lebensabend noch gut und mit dankbarem Herzen Gott und Menschen gegenüber durchhalten können.

In diesen beiden Punkten zeigt sich die Ehrfurcht vor Gott. Im Text heißt es: "und sollst dich fürchten vor deinem Gott." Mit "deinem Gott" wird Bezug genommen auf den Gott des Volkes Israel, der sich in der Geschichte dieses Volkes mächtig und herrlich bezeugt hat. Mit "deinem Gott" können wir ihn nach dem Neuen Testament noch ganz anders erleben:

Es ist der Vater Jesu Christi, der uns durch sein Leiden und Sterben und Auferstehen den Weg zu Gott freigemacht hat, so dass wir im Glauben an Jesus Christus zu Gott vertrauensvoll Vater sagen können mit allem, was uns bewegt.

Mit diesem Vater im Himmel und seiner erfahrenen Liebe zu allen Menschen können wir zeichenhaft unsern Umgang mit "einem grauen Haupt" und den "Alten" gestalten. So können wir zur Freude der Alten und zum Lob Gottes reichlich beitragen.

Das macht froh und füllt das Leben mit Sinn und Hoffnung.

Siegward Busat.