"Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung.Philipper 1,9

  

Liebe auf den ersten Blick setzt Gefühle und Gedanken in uns frei. Da werden Sehnsüchte unseres Herzens geweckt. Schon gehen die Überlegungen ins Unermessliche. Was könnte die Andere oder der Andere für mich bedeuten? Was wäre mit dem Entdeckten oder der Entdeckten alles möglich? Wie könnte eine gemeinsame Zukunft mit ihm, mit ihr aussehen. Eben, Liebe auf den ersten Blick lässt vieles erhoffen. Träume erfassen uns schon am Tage. Fasziniert von dem neuen Gesicht und der neuen Gestalt kommen wir ins Schwärmen.

Doch der andere Mensch wird noch nicht in seiner Ganzheit erfasst. Das Äußere allein macht noch keinen Menschen aus. Zu ihm, wie zu jedem Menschen, gehört auch eine innere Prägung, eine Geschichte mit Erwartungen und Zielen im Blick auf die Zukunft  - und erst recht, wenn es eine gemeinsame Zukunft werden soll.

Eben, Liebe auf den ersten Blick schafft ein starkes Gefühl. Wir sind im Augenblick und vielleicht auch für Tage wie aus der Bahn geworfen. Fasziniert durch den Anderen, die Andere, erfassen wir nicht mehr die volle Wirklichkeit und verlieren uns in das eigene Bild, das wir uns vom Anderen, der Anderen machen.

Liebe ist mehr!

Sie will den Menschen mit seinem ganzen Innenleben in sich aufnehmen und erfassen. Dazu gehören: seine gelebte Vergangenheit, sein gestaltetes Heute und alle Wünsche und Erwartungen im Blick auf die Zukunft.

Vergessen darf dabei nicht, wie er in all den Höhen und Tiefen, dem Erfolg und dem Versagen seines Lebens umgehen kann. In dem wir so an dem Leben des Anderen teilnehmen, öffnen wir uns auch ihm, ihr gegenüber in aller Offenheit und Vertrautheit. Wenn es dann zu einer gemeinsamen Zukunft kommt, in dem jeder für den anderen da ist, Freud und Leid in allem teilt, hat die Liebe einen weiten Raum gewonnen und kann ins Grenzenlose schreiten.

Warum schreibe ich das alles? Weil es um die Liebe zwischen den Menschen geht, die immer - wenn sie wirkliche Liebe sein will - keine Grenzen kennt, sondern sich für alle und alles öffnet, um das Leben von Menschen, der Gesellschaft und wenn möglich auch der Welt zum Wohl aller zu verändern.

Paulus nimmt diesen Gedanken auf und schränkt ihn zunächst ein auf das Miteinander in der christlichen Gemeinde. Im Miteinander der Christen in Philippi hat er entdeckt, dass sie als Geliebte von Gott, füreinander da sind. Er schreibt von "eurer Liebe". Damit meint er die Widerspiegelung der erfahrenen Liebe Gottes, die voraussetzungslos allen  gilt und keinen ausschließt. Sie nehmen aneinander teil, teilen sich mit und nehmen den andern mit seinen Anliegen, Nöten und Fragen in sich auf. Dabei haben sie sich einander nicht ausgesucht, wie es Freunde und Bekannte tun. Nein sie sind durch die Erfahrung der Liebe Gottes aus unterschiedlichen Vergangenheiten und Gewohnheiten zusammengesetzt. Sie dürfen in aller Unterschiedlichkeit Gottes Liebe im Miteinander gestalten. Das ist nicht immer leicht, aber es geschieht im Miteinander der Gemeinde und der Einzelnen untereinander in ihr. Also: "eure Liebe" wird wahrgenommen und geschieht.

Das, was in der Gemeinde in Philippi begonnen hat, soll nun auch eine volle Ausweitung finden. So betet der Apostel - und es ist ihm ein grundliegendes und ernstes Anliegen: "dass eure Liebe immer noch reicher werde". Das, was schon in der Gemeinde unter den Christen geschieht, ist eben erst ein Anfang und soll eine volle Zukunft haben.

Das " immer noch reicher werde" bekommt einen Inhalt:

 "an Erkenntnis und  aller Erfahrung".

"Erkenntnis" schließt die Kenntnis der Situation des Anderen ein. Es geht also um eine Zuwendung zum Anderen, die ihn in seiner Situation ganz in sich aufnimmt und so ihm Liebe zuteilwerden lässt. Konkret geht es dann um Begleitung, die dem Anderen hilft, die Belastungen und Herausforderungen des Alltags aus Gottes Hand dankbar anzunehmen und in der vertrauten Gottesbeziehung voranzuschreiten.

"aller Erfahrung" meint in behutsamer Weise auch eigene Erfahrungen mit Gott weiterzugeben. Es gilt auf die Geschichte anderer mit Gott hinzuweisen. Als Zeugnis soll laut werden, wie Gott sich in Krisen der Menschen annimmt.

Zugeleich gehört zur Erfahrung eben auch, dass wir nicht unüberlegt Bibelworte in das Leben des Andern werfen. Immer wieder muss es aus der Motivation kommen, dem Anderen beizustehen und zu helfen, an seiner Seite zu bleiben.

D.h. nicht, dass wir dem Anderen alle Wünsche erfüllen und alle Wege abnehmen. Immer ist der Mensch Original und verantwortlich für sich selbst. Aber wir können ihn ermutigen, Brücken über tiefe Abgründe zu bauen. Da wo alles aussichtslos erscheint, hat Gott in Jesus Christus immer noch einen Weg für uns. Das gilt es zu bezeugen. Dabei kann ein Bibelwort oder das Angebot des Betens eine Hilfe sein.

Das ist für Paulus Inhalt des Betens für die Gemeinde in Philippi. Er sieht weiter und erhofft, dass Gott noch Weiteres und Großartiges unter den Christen wahrwerden lassen  kann.   

Christliche Gemeinde ist eben auf dem Weg, lernt miteinander dazu und bleibt so auf dem Weg in Gottes kommende Herrschaft.

Welche Anliegen bewegen  uns in unseren Gebeten?

Siegward Busat.