"Wie es dir möglich ist:  Aus dem Vollen schöpfend – gib davon Almosen!  
Wenn dir wenig möglich ist, fürchte dich nicht, aus dem Wenigen Almosen zu geben.
"
                                          Tobias 4,8       

 

Dieser Satz stammt nicht aus der Luther – Bibel, sondern gehört zu den Schriften, die zwischen dem Alten und Neuen Testament entstanden sind. Nach Luther sind sie nicht den heiligen Schriften der Bibel gleichwertig, aber doch sinnvoll zu lesen und zu bedenken.

Es geht um Almosen. Gemeint sind kleinere Spenden, Geldbeträge oder auch Materialien, die aus dem herzlichen Erbarmen den Bedürftigen gegenüber zum Ausdruck kommen. Der Begriff „milde Gabe“ ist dafür passend. Er bringt zur Sprache, dass jeder dem Bedürftigen, Armen, Elenden… gegenüber eine Verpflichtung hat. Ist schon und letztlich alles, was ein Mensch hat und ihm zur Verfügung steht, ein Geschenk Gottes an ihn, so kann er an dem Notleidenden sich nicht mehr vorbei mogeln. Immer ist Gott der Schöpfer aller Menschen. Ihm liegt daran, dass alle Menschen mindestens das Notwendige zum Leben und zur sinnvollen Lebensgestaltung haben. Wird es in dieser Welt auch immer Reiche und Arme geben – das hat in der Weltgeschichte keine Gesellschaftsordnung zu ändern vermocht – so ist doch jeder dem Mitmenschen verpflichtet.

Nach W. BARCLAY war das „Almosengeben…die heiligste religiöse Pflicht der Juden. Das geht schon daraus hervor, dass die Juden für Gerechtigkeit und Almosengeben nur ein Wort kannten… Beides war für sie dasselbe. Wer Almosen gab, erwarb sich damit Verdienste vor Gott und konnte damit sogar begangene Sünden sühnen und Vergebung Gottes erlangen.“                             W. BARCLAY zitiert aus Tobias 12,8 in diesem Zusammenhang: “Almosen ist besser, als viel Geld zum Schatz sammeln; denn die Almosen erlösen vom Tode und tilgen die Sünden.“

Mit dieser Einschätzung war aber auch in Israel - und nur dort? – die Gefahr verbunden, sich damit vor den Leuten zu zeigen, aufzuspielen. So gibt es schon in den besten Lehren der Rabbinen im Judentum die Warnung vor Wichtigtuerei im Almosen geben.  Es heißt dort: „Wer heimlich Almosen gibt, ist größer als Mose.“ Dem entsprechend wird von einem Rabbiner festgehalten: „Ein Rabbi ließ jedes Mal, wenn er Almosen geben wollte im Weitergehen Geld fallen, so dass er nicht sah, wer es aufhob.“ Es hieß: „Besser gar nichts geben, als jemanden mit einer Gabe beschämen.“

Die Wirklichkeit im Judentum blieb weit hinter diesen Aspekten zurück. Nur zu oft spendeten die Menschen vor den Augen der Menschen. Sie wollten gesehen werden, bei dem, was sie anderen an Gutem zuwandten. Dabei hofften sie vergeblich darauf Vergebung ihrer Schuld zu erlangen und sich dadurch Verdienste vor Gott zu erwerben.

Jesu weist darauf hin:
„Wenn du Almosen gibst, sollst du nicht lassen vor dir posaunen, wie die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, auf dass sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn    dahin“ (Matthäus 6,2).
Und zu den Jüngern gewandt: „Wenn du aber Almosen gibst, lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, auf dass dein Almosen verborgen sei; und dein Vater, der ins das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten“             (Matthäus 6, 3).

Für Spenden und den Gaben an Bedürftige hier und weltweit an Organisationen ist nichts einzuwenden. Erfreulich ist auch das Engagement durch Fernsehsendungen, andere Veranstaltungen und Aktivitäten. Doch weithin geschehen sie vor den Menschen und nicht in der Verborgenheit, in die Gott schaut. Sicher wird Menschen dadurch sehr geholfen, doch kann das kein Motiv für uns Christen sein. Für uns gilt, das Opfer in der Verborgenheit, ob Diakonie, Brot für die Welt oder die Weltmission zu geben. Wer mit seinen großen oder kleinen Beträgen für andere – je nach dem der kann – in der Zurückgezogenheit, im Geheimen bleibt, es nicht vor den Augen der andern tut, der handelt Jesus Christus gemäß.

Doch mit dem Almosengeben ist erst ein Anstoß gegeben, wie wir mit unserem Geld, Vermögen und Besitz umgehen. Jesus Christus geht noch einen Schritt weiter. Er sagt: wer sich zu mir hält und mir nachfolgen will, steht mit allem, was er hat und kann, Gott zur Verfügung. Aus dieser Sicht ist der von Gott geforderte „Zehnte“ im Alten Testament nicht mehr ausreichend und in manchen Situationen, in schwachen sozialen Verhältnissen nicht mehr aufbringbar. Darum ist jeder, der zu Jesu Christus gehört immer neu gefragt und herausgefordert, was er für die Sache Jesu, das Reich Gottes, ausgeben kann und will. Hier kommt es zu keiner festgelegten Dauerregelung. Immer wieder steht der Umgang mit dem Geld für Christen neu in Frage: Was gebe ich andern und was behalte ich für mich.

Paulus geht im Römerbrief noch weiter: „Ich ermahne euch nun… durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst“ (Römer 12, 1).

Es geht also nicht nur um eine kleine Spende an den Hilfsbedürftigen aus Mitleid. Vielmehr sind wir durch die erfahrene Barmherzigkeit unseres Gottes aus Dankbarkeit in Gang gesetzt, mit allem Verfügbaren uns für die Sache Gottes (Diakonie und Weltmission) und der armen, leidenden und unterdrückten Menschen einzusetzen.

Wer sich darin engagiert, wird frei von Gewissensbissen und kann aufatmen.

Siegward Busat.