Hiob "Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt."                                          Hiob 19,25       

 Das Laub fällt von den Bäumen. Die Blumen spielen ihre letzte Farbenpracht in unsere Augen. Sonne und Wolken wechseln sich ab. Auch der Regen tut sein Bestes.  Es wird nicht mehr lange gehen und der Frost macht die Baumkronen kahl. Schnee und Glatteis lassen die Wege für Fußgänger und Autofahrer zur Gefahr werden. Die Sicherheit des Lebens ist dahin. Wer nicht durch große Krankheitszeiten musste, schaut mit Dank auf Jahre und Jahrzehnte zurück.

Anders geht es den Behinderten, den Leidenden. Sie erleben das Leben trotz mancher noch schönen Zeiten und Erlebnissen als ständige Herausforderung. Sie blicken mit Sorgen in die Zukunft und fragen sich, wie wird alles weitergehen.

Andere haben einen lieben Menschen oder den Liebsten verloren. Sie schauen zurück. Vieles fällt ihnen ein. Da gab es Großartiges im Miteinander, aber auch immer wieder Tiefen, in denen einer den andern nicht verstand oder ihm nicht wirklich weiterhelfen konnte. Manches hätte man aus heutiger Sicht im Miteinander in Ehe und Familie anders geplant und gestaltet. Doch das Vergangene ist nicht mehr zu ändern. Es gehört zu unserem Leben. Manches lässt uns aufatmen, aber auch manches bleibt als Last zurück.

In diesen Tagen gehen viele zu den Friedhöfen. Sie gehen mit Wehmut und Schmerz, aber auch mit stillem Dank zum Grab. Sie bringen Blumen und Gestecke als Ausdruck ihrer Liebe und Verbundenheit - und legen sie nieder. Während sie bei der letzten Ruhestätte verweilen, kaum ihre Gedanken in Worte fassen können, wird die Vergangenheit zur Gegenwart. Noch einmal steht vergangenes Erleben vor ihnen und erfasst ihr Heute. Soll das wirklich alles gewesen sein? Oder gibt es noch Hoffnung? Wo bleibt die ausgleichende  Gerechtigkeit für Versagen, Schuld, Unrecht und unverstehbares Leid? Müsste es nicht ein höheres Wesen, einen Gott geben, der in Gerechtigkeit allen das zukommen lässt, was ihnen zusteht?

In diesen Fragen lebt auch Hiob. Als ein ehrlich Frommer in Israel wird ihm hart mitgespielt. Seine Kinder werden durch eine Naturkatastrophe dahingerafft. Die Tiere von Feinden geraubt und die Felder in Brand gesteckt. Selbst seine Knechte fallen dem Feuer zum Opfer. Ihm bleibt nur das nackte Leben. Und er äußert sich dazu: „Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt“(Hiob 1, 20 – 21).

Das ist schon eine auffallende und kaum zu verstehende Reaktion. Wo einem so hart die Tatsächlichkeit des Alltags triff, kann dieser Fromme noch alles aus Gottes Hand annehmen und Gott loben.

Aber sein Weg geht weiter. Von „bösen Geschwüren von der Fußsohle bis auf seinen Schädel“ (Hiob 1, 7 – 8) geplagt, der Gesundheit und Tatkraft beraubt, rät ihm seine Frau „Fluche Gott und stirb“ (Hiob 2,9). Doch er erwidert in aller Nüchternheit und tiefem Gottvertrauen. „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehme?“(2,1 0).

Dazu kommen noch seine Freunde, nehmen zuerst Anteil an seinem Leid, doch dann reißen sie ihn auf eine Argumentationsweise, in der Hiob sein rechtes Verhalten und seine gelebte Frömmigkeit zum Ausdruck bringen muss. Die gut gemeinten Worte der Freunde helfen ihm nicht. Hiob möchte eine Begegnung mit Gott, Antwort auf seinen Leidensweg. Diese jedoch bleibt zunächst aus.

Das ist tiefste und weitgehendste Anfechtung., wenn Gott uns in den Krisen unseres Lebens allein lässt und wir in der Erfahrung von Leid, Unrecht, Behinderung, Krankheit und letzter Einsamkeit ohne erfahrbare Nähe Gottes bleiben.

Auch Hiob macht das durch und er kann gar nicht mehr anders als dass er aufschreit: „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt! Jener Tag sei Finsternis und Gott frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen“ (Hiob 3,3-4). Doch er hält durch und hält aus, auch wenn Gott noch zu seinem Ergehen schweigt.

Aber das Heute des Leidens – wie lange es auch immer sein mag und uns erscheint, ist noch nicht die ganze Folge von Tagen, Monaten und Jahren. Das Jetzt der Anfechtungen und Glaubenskrisen ist auch für Hiob nicht das Letzte.

Aus der Sicht Gottes geht es bei Hiob, der die Hintergründe seines Lebens nicht kennt, um die volle Entfaltung seiner Gottesbeziehung. Es geht um seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit seines Gottesglaubens. Darum wird ihm auch alles genommen, was der Mensch als Segnungen Gottes bezeichnen kann. Darum führt Gott Hiob diesen Weg – oft bis an die Grenzen des Menschenmöglichen. – Und Hiob hält durch! Hiob hält fest an Gott!  Hiob erlebt schließlich Gottes Antwort, in der ihm an äußeren Segnung mehr zu Teil wird, als er vorher sein Eigentum nennen konnte( Hiob 42, 12 – 17).

Aber nicht erst am Ende, sondern schon mitten im Leid kann er ein „Aber“ ausrufen und dass ist die Gewissheit, die ihn an Gott festhalten lässt:

„ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ (Hiob 19,25).

Der Ausdruck „mein Erlöser“ lebt, steht ursprünglich für den Bluträcher(2. Samuel 14,11), „der die Rache für einen Ermordeten übernehmen soll, dann den Verwandten eines, der als Treuhänder dessen Erbe antritt, um es für die Familie des Toten zu erhalten(Ruth 2,20; 3,9;4,1ff.) oder der in Verlust geratenes Eigentum einlöst(Ruth 3,5) und wieder erwirbt(3. Mose 25, 25 ff.; 4. Mose 5,8). So in Artur Weiser, ATD, Hiob, S. 149 – 150.

D.h. für Hiob, Gott ist und wird sich meiner annehmen, wann und wie er immer will. Diese Gewissheit setzt bei Hiob Hoffnung in Gang, die über Raum und Zeit dieser Welt hinaus Geltung hat.

Wie immer auch unser Leben verläuft, was uns zugemutet wird, wir dürfen und können im Vertrauen zu Gott festhalten, der in Jesus mehr getan hat, als es für Hiob schon in Sicht ist. Gott gab seinen Sohn in die Welt, der am Kreuz für alle Schuld der Welt starb und den Gott von den Toten leibhaft auferweckt hat. So ist schon die Grenze des Todes überwunden.

Nicht nur Hiob wird einst vor Gott stehen. Ja alle Menschen werden durch den Tod von Gott gerufen zu neuer Existenz. Der Tod ist nicht das Letzte, weil Jesus Christus lebt, als Herr aller Lebenden und Toten. Wer sich ihm anvertraut, der lebt trotz aller Not in dieser Welt in eine offene Zukunft, auf Gottes vollendetes Reich hin. Das ist Hoffnung, die trägt und uns durchhält.

Siegward Busat.