"Wer im Dunkeln lebt und wem kein Licht leuchtet, der vertraue auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott."                                          Jesaja 50,10       

Wer einen Weg geht, kann nie sicher sein, ob er sein Ziel noch in der Helligkeit erreicht. Vieles kann sich auf dem Wege in den Weg stellen. Manche Hindernisse, Unsicherheiten und Herausforderungen vielfältiger Art schaffen Verzögerungen. Sie rauben uns sinnlos Zeit. Schnell bricht die Nacht über uns herein. Wenn dann noch der Mond und die Sterne durch Wolken verdeckt sind, umgibt uns nur noch Finsternis. Wenn dann auch keine Lichter in der Ferne  aufleuchten, wissen wir nicht, wie es weitergehen kann. Wir sind vielen unsichtbaren Gefahren ausgesetzt. Vor unseren Augen erscheint alles in Schwarz. Jede Orientierung ist dahin. Wir können nur im Dunkeln tappen, verlaufen uns leicht und wissen nicht, wo wir landen. So kann man nur noch in der Dunkelheit umherirren. Man bewegt sich, versucht dieses und jenes, aber alles scheint sinnlos zu sein, da man sein Ziel nicht findet und den Weg dahin nicht kennt.

Das, was allen in dieser Welt passieren kann, hat für viele weitgehende und harte Konsequenzen. Die Dunkelheit einer Nacht können viele noch gut überstehen, wer aber im Dunkeln l e b e n muss, verfällt leicht der Resignation. 

Weltweit leben die meisten Menschen nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Erfolg, Glück und gute Zeiten sind vielen versagt. Oft machen diesem und jenem auch die abgebrochenen Beziehungen schwer zu schaffen. Wenn dann noch Unrecht und Leid den Alltag zeichnen, verlieren viele den Mut. Und erst recht die Armut und die Aussichtslosigkeit – wie sie in vielen Flüchtlingslagern erlebt und durchstanden werden muss, sind Ausdruck der Dunkelheit, in denen Kinder, Ältere, Erwachsene und Jugendliche ihr Dasein fristen. Wenn es dann keine Aussicht mehr gibt, dass Änderungen der Lebensverhältnisse eintreten, bleibt alles Nacht, tiefe Finsternis und Hoffnungslosigkeit. Die Frage quält sich dann in unser Bewusstsein: Hat das alles noch einen Sinn, sollte ich nicht einfach Schluss machen?

Von diesen Fragen kann sich kein Mensch freisprechen; denn jeder kann unerwartet in eine Lebenssituation geraten, die er nie für möglich gehalten hat. Da erreicht uns die Nachricht eines tödlich Verunfallten. Da spricht der Arzt die Diagnose Krebs aus. Da erfährt man unerwartet, dass der Sohn sich von seiner Familie trennt. Da bezwingt uns eine unheilbare Krankheit. Unsere Zukunftsaussichten sind dahin. Die Arbeitslosigkeit deutet sich an. Freunde und Bekannte nehmen Abstand von uns, weil sie mit der Tatsache des Leidens nicht fertig werden. Wenn dann noch weitere Trennungen dazu kommen, wird unser Lebensradius eng. Immer mehr rücken wir uns selbst in den Mittelpunkt. Die Schmerzen und die schlaflosen Nächte werden uns zum Problem. Die Rente reicht oft nicht für das Notwendigste. Man muss lernen, mit Wenigem auszukommen. Das Älterwerden hat eben auch seine Forderungen an uns. Das tatsächliche Leben und die Bewältigung des Alltags werden uns zur ständigen Aufgabe. Wenn dann trotz vieler Medikamente und der ärztlichen Versorgung keine Aussicht auf ein Mehr an Lebensqualität besteht, wird alles dunkel und finster. Wer dann keine lieben, vertrauten Menschen um sich weiß, wird zutiefst einsam. Was bleibt dann an einem solchen Punkt noch?

Der Prophet wendet sich an sein Volk im Auftrag Gottes. Er zeichnet die Lage des Volkes Israel im Exil mit den Worten: „Wer im Dunkel lebt und wem kein Licht leuchtet“. Das ist Israel in der Verbannung. Fern der Heimat, dem gottesdienstlichen Leben und dem Tempel ist es auf sich gestellt, als Volk und auch der Einzelne im Volk.

Leben im Dunkel, fern jeden Lichtes lebt das Volk Gottes im Gerichtsvollzug Gottes. Es sieht seinen Weg nicht mehr. Es hat sein Ziel aus den Augen verloren. Es lebt in der gottlosen Heidenwelt und ist dem  Aberglauben und Götzenkult ausgesetzt. Es muss mit ansehen und ist vielleicht auch davon angefochten und versucht, dem heidnischen Treiben Raum zu geben. Noch sieht es nicht, dass diese Zeit eine begrenzte ist. Noch sieht alles so aus, als gäbe es keine Veränderung mehr.

In dieser mit Belastungen und Fragen gefüllten Zeit, in der das Volk denken muss, es wird immer so bleiben, macht der Prophet Mut: „der vertraue auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott“.

In dieser Ermutigung steht ein Zweifaches: 

Gott hat einen Namen und er hat seinen Namen in der Geschichte Israels wahrgemacht. Ja, er hat sich einen Namen gemacht unter den Menschen! Man denke nur an die vielen Worte durch das Zeugnis der Boten Gottes und an die wunderbaren Wirkungen Gottes in der Geschichte seines Volkes.

Gott wird benannt „seinen Gott“. Was immer auch Israel einst in der Geschichte bis zur Zeit des Propheten durchgemacht hat, Gott hat sein Volk nicht aufgegeben. Er bleibt immer der Gott Israels, hier benannt als „seinen Gott“. Gott gehört eben zu Israel und Israel gehört zu Gott. An dieser Setzung wird sich nichts ändern, auch wenn sich Israel zeitweise seinem Gott versagt.

Darum werden Israel und wir heute in der Christenheit aufgerufen:

„vertraue auf den Namen des Herrn“

und

„verlasse sich auf seinen Gott.“

Dieses Vertrauen auf Gott und das Sich-Verlassen auf den Vater Jesu Christi ist der einzige Weg, jedes Dunkel durchzuhalten. D.h. an Gott und seinem Wort festhalten und seiner Macht ausharrend vertrauen. Nach jeder Nachr kommt auch ein neuer Morgen, schon jetzt in der Zeit oder einst in der Ewigkeit.

Wie heißt es so schön in dem Weihnachtslied von Jochen Klepper:

„Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.  Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.“

                                                 

Siegward Busat