Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder   Könige 8,9       

(Juni 2020)


Wir sehen den Menschen nur ins Gesicht. Wir sehen in seine Augen, nehmen seine Gestik wahr und freuen uns an der Schönheit eines Menschen. Manchmal aber stehen wir auch vor Fragen: Was geht in diesem Menschen vor? Was bewegt ihn? Womit ist er nicht fertig geworden? Warum ist sein Gesicht von Angst, Schrecken und Bitterkeit gezeichnet? – Und bei anderen bricht der Lebensmut und die Durchsetzungskraft aus ihrer ganzen Erscheinung hervor. Ihre Unnahbarkeit und Macht setzt uns manchmal in große Furcht.

Wir möchten gerne in das Innere des Menschen hineinblicken, Anteil nehmen oder auch Korrektur im anderen bewirken.

Doch wir bleiben außen vor. Wir nehmen nur das Äußere wahr. Wir haben nur, was der andere von sich aus uns mitteilt. Wir können den anderen nur einordnen, wie er bei uns ankommt. Dabei haben wir alle unsere Vorstellungen und Erfahrungen mit anderen. Wir sind begrenzt in all unserer Menschenkenntnis, auch wenn wir meinen, den anderen zu verstehen und zu durchschauen. Immer bleibt der andere für uns in seinen Wünschen, Gefühlen und Denken letztlich unerreichbar, auch nach Jahren und Jahrzenten noch ein Fremder.

Wir meinen leicht den anderen in seinen Zielen zu erkennen und erfassen doch nicht die Motive, die sein Verhalten bestimmen. Das führt dann leicht zu Enttäuschungen, die uns deutlich machen, wir haben uns im anderen getäuscht.

Aus dieser Menschenkenntnis kann der König Salomo in Israel bei der Einweihung des Tempels in der Öffentlichkeit zu Gott ausrufen:

         „Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder“.

D.h. für alle damals in Israel – und es gilt grundsätzlich im Blick auf alle Menschen der Weltgeschichte: Gott kann keiner etwas vormachen! Er durchschaut jeden bis in die letzten Beweggründe hinein. So kann er den Einzelnen verstehen, einordnen und sich seiner zum Wohl und Heil annehmen.

Mit dem „Herzen“ ist in der Sprache der Bibel die Willenszentrale des Menschen gemeint, in der alle Veranlagungen, Wünsche und Ziele zusammenkommen und das jeweilige  I c h   des Menschen Entscheidungen trifft-

HORST MARQUARDT formuliert es in seinen Andachtsbuch: „Herr, du treuer Gott“‘, Seite 204-205, so:                                                „Gott erfasst die tiefsten Tiefen unseres Seins… Damit meint sie (die Bibel) das Zentrum unseres Lebens und Wesens. Den Ort in unserem Sein, wo wir nicht mehr tiefer forschen können, wo wir nur sagen können: I c h . Von da aus kommen alle bösen Gedanken…Jedes Wort auf unserer Zunge, jeder Gedanke, jedes Lob, jeder Dank, aber auch jede Verwünschung, alles kennt Gott. Überall sind wir von ihm umgeben“.

Ja, Gott kennt den Menschen, jeden Menschen, in seinem guten Wollen und Unvermögen und in seiner Niedertracht mit entsprechenden Folgen. Nüchtern zeigt Jesus das auf, wenn er in Matthäus 15, 19 sagt: „aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung“.

Ja, in unserem Innern, im Herzen, in der Zentrale unserer Encheidungen stehen wir mitten in einem Durcheinander von Veranlagungen und Zielen, Wünschen und Begierden, Meinungen und Gedanken, guten Absichten und bösen Taten. Wer kennt sich darin schon aus? Wer kann für sich die Hand ins Feuer legen? Wer kann garantieren, dass er das Gute, das er heute vorhat, noch morgen will? Wer kann schon sagen, dass er auf einem guten Weg bleibt und nicht durch Herausforderungen in der Zukunft in neue Schuld und Zwänge versackt?

Dessen ist sich ein Beter in Israel bewusst und er ruft vertrauensvoll zu Gott:                                                                               „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege“ (Psalm 139, 23 – 24).

Und ein anderer betet:                                                                  „Schaffe in mir, Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen , beständigen Geist. Verwirf mich nicht vor deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus“ (Psalm 51,12 – 14).

Es ist schon erstaunlich, wie sich Menschen ehrlich zu Gott öffnen, der sie bis in die Tiefen durchschaut. Sie wissen nicht nur um den fordernden Gott und das eigene Unvermögen, sondern um den barmherzigen Herrn, der sich ihrer annimmt und ihr Leben nach seinem Willen ausrichtet. Sie wissen um den Gott, der Schuld vergibt, aus Zwängen freisetzt und zu einem Reden und Verhalten, wie es Gott gefällt. Das lässt aufatmen und befreit – eben - mit sich und Gott den Alltag durchzuhalten.

 

Siegward  Busat