Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat   2. Korinther 5,19       

                                                                                     

(September 2020)

Elmar und seine vier Kumpel waren zur Arbeit erschienen. Wie durch Jahre hindurch, war auch dieser Tag ganz gewöhnlicher Alltag. Im Förderkorb wurden sie durch den Schacht – seit vier Jahren - abgetaucht, bis zur Sohle 8. Das waren 800 m unter der Erde im Kalibergwerk. Salz musste gewonnen werden. Schwerste Arbeit war zu leisten. Auf der Straße neben Förderband, Bohrmaschinen und Sprengstoffpatronen. Die Arbeit beginnt 3 m unter der Stollendecke. Es geht voran. Stunden vergehen. Da stoppt eine Maschine. Elmar verlässt seinen Platz, um Werkzeug zu holen, findet es und geht schnell zurück. Doch ehe er vor Ort ist, hört er riesigen Löser, einen Brocken Kalkgestein herunterbrechen. Schreie sind zu hören. Er atmet Staub. Er muss an seine Kumpel denken. Er eilt zur Stollenrufstelle und löst Alarm aus. 


Seine vier Kumpel sind im Staub und Steinmassen eingeschlossen. Der Rückweg ist ihnen verwehrt. Der Schrecken sitzt tief. Sie brauchen Zeit mit sich selbst und dann rufen sie, klopfen, warten und hoffen. Vor Stunden war noch alles in Ordnung. Jahrzehntelange Arbeit brachte ihnen Sicherheit. Nun war alles anders. Große Angst erfasste sie. Die Sorge machte sich breit: Was wird aus uns, wenn wir nicht…? Stunden vergehen. Minuten werden zur Ewigkeit. Sie alle wissen: Rettung kann nur von außen kommen – sonst sind wir verloren!

Ich muss die Geschichte von damals unterbrechen: Jene vier Kumpel sind von allen anderen abgeschlossen. Sie sind mit sich in aussichtsloser Lage allein – ein Beispiel für Menschen unserer Zeit. Menschen durch Jahre und Jahrzehnte im gleichen Trott, durch Generationen hindurch: Arbeit, Essen, Geld und Fernsehen, Trinken und Austausch, mit Fußball und Politik, Fröhlichkeit und Schrebergarten, Gesellschaftsengagement und Urlaubsreisen. Alles Jahr für Jahr im Gewohnten und Bisherigen. Ist man auch nicht immer glücklich so doch weithin zufrieden. Und dann kommt plötzlich ein Zwischenfall, eine Krise, ein Konflikt oder Unfall, Ehebruch oder Arbeitslosigkeit  - ganz zu schweigen von der Corona-Pandemie in unseren Tagen. Und alles ist wie aus der Bahn geworfen, zum Nachdenken und Einschränken herausgefordert. Dabei werden die bisherigen Wünsche inhaltslos. Es geht dann nur noch um das Überlegen, wie man die Pandemie bewältigt und die Wirtschaft weltweit wieder in Schwung bringt. Erstrebte Ziele werden belanglos. Wir haben dann in Augenblicken nur uns selbst zum Inhalt und meinen wir sind verloren und unverstanden. Was dann um uns herum ist, interessiert nicht mehr. Wir überlegen nur noch, wie wir aus der Existenzkrise kommen. Aber in uns ist nicht die Kraft, alles zu bewältigen; denn wir sind eben immer im Verbund mit anderen, ja der ganzen Welt. Das alles übersteigt dann unsere Möglichkeiten. Jeder braucht dann Hilfe von außen.

Doch nun weiter in unserer Geschichte. Der Alarmknopf ist gedrückt. Die Rettungsaktion beginnt. Die vier Kumpel halten zusammen. Was über Tage oft nicht wahr war, geschieht jetzt auf Sohle 8. Männer von außen gehen ans Werk. Sie suchen den Weg zu den vier Kumpeln. Für sie spielt Einsatz, Zeit und Risiko keine Rolle mehr; denn es geht um Leben und Tod der vier Kumpel. Im Wissen um die eigene Lebensgefahr unter Tage erfolgt Hingabe und Opferbereitschaft bis zum Letzten. In mühevollem Einsatz hören sie schließlich Rufe. Das Klopfen der vier Kumpel wird erkannt. Eine Verbindung kann geschaffen werden und der Weg führt zu den Eingeschlossenen und Hoffnung und Freiheit kommen in Sicht.  

Wieder muss ich nachdenken. Was jene vier in der Verlorenheit nicht schafften, haben Kräfte von außen erwirkt. Eben, nicht jeder ist seines Glückes Schmied. In manchen Krisen brauchen wir Hilfe von außen, von anderen, die sich um uns mühen. Das gilt für alle Probleme und Konflikte, in denen wir rettungslos verloren sind. Dann nicht auf uns vertraute Menschen zuzugehen, lässt uns in tiefster Einsamkeit bis in die Resignation. Darum ist Hilfe von außen wichtig für alle Bewältigung des Alltags.

Das gilt noch ganz anders, wenn es um unser Verhältnis zu Gott geht. Dann sind wir alle wegen unserer Schuldverhaftung Verlorene in Zeit und Ewigkeit. Wir sind verhaftet in uns selbst. Wir wissen um unser Versagen an Menschen. Auch Gott gegenüber kann keiner bestehen: denn wir haben alle seine Gebote übertreten. Wir haben seine große Güte, die wir in der Schöpfung empfangen haben, weithin uns selbst, unserer Leistung zugeschrieben. Wir haben weithin ernsthaft und vertrauensvoll nicht nach Gott gefragt. Und das ist unsere tiefste Not: ein Alleinsein, aus der sich kein Ausweg abzeichnet.

Wenn überhaupt uns Hilfe zukommen kann, kann sie nur von außen, von Gott selbst kommen. Darum weiß Gott, weil es ihm um unsere Rettung, um unser Heil geht; denn er liebt den Menschen, was immer auch war. Deshalb hat er sich auf den Weg gemacht. Er gab seinen Sohn Jesus in die Welt der Menschen. Er hat Jesus ans Kreuz riskiert und mit ihm alles eingesetzt, damit wir aus allen Verlorenheiten an uns selbst, den Dingen dieser Welt, bis hin zu den unsichtbaren   bösen Mächten befreit werden. So schlug Gott die Brücke zu uns Menschen. Er schenkt uns die Vergebung aller Schuld. Er ermöglicht uns einen neuen Anfang. Er gibt uns klare Orientierung. Er verspricht uns das Heil in der Zeit und dann in der Ewigkeit.

Anders gesagt: Gott hat nicht  s i c h  mit der Welt versöhnt, sondern  d i e  W e l t – d i e   M e n s c h h e i t -  mit sich  versöhnt.

Jeder, der diese Versöhnungstat Gottes für sich dankbar in Anspruch nimmt, ist gerettet im Hier und Jetzt und Dort und Dann.

So befreit zu leben, lässt mutig und getrost weiterschreiten und den Alltag annehmen.

 

Siegward  Busat