Viele sagen: „Wer wird uns Gutes sehen lassen? 
Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes!      
Psalm 4,7       

Am Anfang von 2021 sehnt sich jeder nach dem Guten. Er möchte viel Gutes im neuen Jahr erfahren. Damit ist die Hoffnung verbunden auf Gesundheit, Sicherheit, Erfolg und Glück. Unbegrenzt gehen die Erwartungen und Wünsche ins Unermessliche der Zukunft. Gute Zeiten sind gefragt, besondere Begegnungen werden angestrebt und Außerordentliches erhofft, so dass man den mühevollen Alltag angehen und durchhalten kann. Gutes, ach ja, davon kann man nie genug bekommen!

In Zeiten der Corona-Pandemie, die unsere Vorhaben und Planungen weithin durchkreuzt, stehen wir vor manchen Fragen. Was wird aus unserer gespaltenen Gesellschaft? Welche Folgen wird die Weltwirtschaft zu bewältigen haben? Welche notwendigen Entscheidungen hat die Politik zu treffen? Welche finanziellen Konsequenzen wird man nach der Corona-Pandemie uns aufbürden? Was wird aus meinem Leben, wenn Corona nach mir greift? Auf einmal ist unsere menschliche Machbarkeit dahin und wir bekommen die Probleme nicht in den Griff. Wir sind durch Angst und Schrecken aufgeschreckt. Wer möchte da nicht Gutes sehen und erleben?

Wer Gutes sehen will und danach fragt, macht deutlich, dass er sich in einer Not befindet. Er hat einen Mangel an irgendeinem Gut und denkt, was mich jetzt betrifft, kann nicht alles sein.

Der Beter in Israel ist nicht allein. Er ist wie viele in seiner Umwelt  betroffen. Er nimmt die Frage anderer mit auf: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ In allen Nöten, Bedrängnissen, Anfechtungen und Zweifeln seiner Umwelt geht er jedoch nicht darin auf. Er weiß aus der israelischen Kultgemeinde um die Erfahrung seines Gottes. Er erinnert sich an die Gottesdienste seines Volkes. Nach jeder Zusammenkunft im Singen, Beten, Hören der Thora und im Zusammentragen der Nöte des Volkes in der Stiftshütte oder im Tempel weiß er um den Segen, in dem die Gemeinde und somit jeder Einzelne unter dem Segen Gottes gestellt und entlassen wird. Er formuliert den Aaronitischen Segen durch den entlassenden Priester in eine Bitte um: „Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes“. Darin kommt sein Vertrauen zu Gott zum Ausdruck. Von Gott erwartet er das Gute im Leben; denn Gott ist der Gute schlechthin. Von ihm sagt Jesus im Neuen Testament:  “ Niemand ist gut als der eine Gott“ (Markus 10,18). Somit kommt alles Gute von Gott: in der Schöpfung, in der Geschichte, in der Erlösung und Vollendung der Welt. Auch wenn der Beter diesen Weitblick noch nicht hat, so ist er doch davon überzeugt, sozusagen: “An Gottes Segen ist alles gelegen“.

Dabei geht es dem Beter um das Licht, das vom Antlitz, dem Angesicht Gottes ausgeht. Wieder wird das im Neuen Testament bestätigt: „Gott…der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann“ (1. Timotheus 6,16). Dieses Licht, das Gott umgibt und von ihm ausgeht, soll über uns aufleuchten. Anders gesagt: Gottes Angesicht, seine Zuwendung, soll uns erreichen und unsere Dunkelheit durchstrahlen und beenden. Noch anders gesagt: Gott schenke es, dass wir im Ansehen Gottes „du bist ein Gott, der mich sieht“ (1 Mose 16,13), leben können. Wenn wir in dieser Erfahrungsgewissheit leben, werden wir das Gute Gottes für uns und unsere Lebenssituation – wie immer sie auch ist – entdecken. Das ist dann mehr als alles Glück und aller Erfolg dieser Welt. Es ist die neue Sicht- und Lebensweise der Christen, die in allen Finsternissen, Unsicherheiten und Sorgen um die Zukunft, Gott in seiner Güte und Zuwendung erfahren. So können sie vertrauensvoll mit dem Vater im Himmel ihren Weg gehen und bleiben in seiner Geborgenheit in allen Höhen und Tiefen aufgehoben. Sie wissen sich in Gottes Hand und haben Mut und Hoffnung für die weitere Geschichte Gottes in ihrem Leben und die Geschichte der ganzen Welt.

So können wir mit jenem Beter immer wieder neu beten: „Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes“.

Wir können es beten, bis wir einst in der neuen Welt und Wirklichkeit des Reiches Gottes: „Gott schauen“ (Matthäus 5,8).

 

Siegward Busat.