Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.   Epheser 4,26  

Wir haben das Leben immer nur tageweise. Immer gehört uns nur das Heute. Das Gestern ist schon vorbei; das Morgen steht noch vor uns, wenn Gott es uns ermöglicht. Sicher haben wir jedes neue Morgen nie zu unserer Verfügung. Darum ist es wichtig, jedes Heute im Frieden mit Menschen zu beschließen. Im Neuen Testament heißt es an anderer Stelle: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen  Menschen Frieden“ (Römer 12,18). Und im Frieden mit allen Menschen zu leben, ist eine große Bereicherung und eröffnet viele Möglichkeiten und vertrauliche Kontakte. Das bedeutet zugleich auch psychische Entlastung unseres Alltags.

Während wir in der westlichen Welt den neuen Tag mit dem Sonnenaufgang beginnen und mit dem Sonnenuntergang oder danach beschließen; beginnt der jüdische Mensch in Zeiten der Bibel den neuen Tag mit dem Abend. So heißt es schon im Anfang der Bibel: „Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag“ (1.Mose 1,5). Der Abend eines Tage ist also der Start in ein neues Heute.

So verstehen wir die Aussage: „…lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“ (Epheser 4,26) nicht als Fortsetzung des Heute in Auseinandersetzung, Streit, Wut, Zorn und Unversöhnlichkeit sein, sondern wirklich ein Neubeginn in unseren  Beziehungen.

Wir alle wissen nicht, was und wer uns im Laufe eines Tages begegnet. Da gibt es erfreuliche Begegnungen und ermutigende Informationen. Immer wieder aber werden wir mit Erkenntnissen, Meinungen und Behauptungen konfrontiert, die gegen unser Wissen und unsere Erfahrung stehen. Wir reagieren dann schnell. Unüberlegt fallen Worte und Entgegnungen, die den Widerspruch des andern zur Folge haben. Das Miteinanderreden wird lauter und nimmt an Intension so zu, dass keiner mehr offen dem andern zuhört, noch seine Argumente aufnimmt und bedenkt. So prallen dann Worte aufeinander – eine richtige Wortschlacht beginnt, die dann zum Streit, zum Hass und zu Unterstellungen führt – und das oft schon bei Kleinigkeiten, die der Rede nicht wert sind.

Ob in solchem Aufeinander- Zu – Zanken mit zunehmenden Emotionen wir uns noch selbst in der Hand haben, von dem Bösen in uns bestimmt werden oder auch , wie  es der Verfasser unseres Textes im Zusammenhang sieht, dem Teufel in uns Raum geben (Epheser 4,,27) – wer will das schon entscheiden. Auf jeden Fall ist ein solches Aufbrausen von Gefühlen und Stimmungen, die auch leicht zu Handgreiflichkeiten werden können oder auch zu Trennungen führen, nicht von Gott gewollt.

Da im Miteinander der Menschen nie etwas auszuschließen ist, alles jedem möglich werden kann, egal ob einer an Gott glaubt oder nicht, so ruft der Verfasser unseres Wortes  die Christen in der Gemeinde auf: „Zürnt ihr, so sündigt nicht“ (Epheser 4,26).  D.h. immer auch in den engsten Beziehungen denkt daran, ihr steht in der Gegenwart Gottes, der in seiner Barmherzigkeit liebt und Versöhnung will.

Da sich niemand in der Hand hat, noch für sich garantieren kann, sollen wir mindestens bevor die Sonne untergeht, uns einander versöhnen, bevor wir uns in die Nacht wagen; denn wer garantiert uns denn, ob wir morgen noch leben?                 

Noch in Erinnerung ist mir von meiner Mutter, dass sie mir erzählte, mein Vater und sie sind eines Tages in einen kräftigen Streit geraten. Worum es ging, weiß ich nicht mehr. Aber am Abend haben sie sich noch ausgesprochen. Da ihre Konzentration zum Beten nicht mehr ausreichte, versprachen sie sich gegenseitig - von meinem Vater angeregt - am nächsten Morgen die Sache auch vor Gott im Gebet in Ordnung zu bringen – was sie dann auch getan haben. So eröffnete sich der neue Tag miteinander in Güte und Vertrauen umzugehen.

Das, was meine Mutter bezeugte, ist mir immer noch nach Jahrzehnten in Erinnerung. Der Verfasser unsere Wortes meint das auch im Umgang aller Christen in der Welt – ein Segenswort für jeden Menschen -: noch am Abend eines Tages das Miteinander zu  bereinigen, damit der neue Tag mit Freude, Vertrauen und Hoffnung gestaltet werden kann. So will es Gott!

 

Siegward Busat.